Graziella Mimic

Mit­tel­stand am Limit?

24. 07. 2023

Lesedauer: 4 Minuten

Mit­tel­stand in Not: Digi­ta­li­sie­rung und Fach­kräf­te­man­gel machen sowohl Arbeit­ge­bern als auch ihren Beschäf­tig­ten zu schaf­fen. Und auch die Pan­de­mie ging nicht spur­los an ihnen vor­bei. Doch wäh­rend man­che Fir­men trotz dis­rup­ti­ver Zei­ten hoch­leis­tungs­fä­hig blei­ben, arbei­ten ande­re bereits am Limit. Was sind die Grün­de für die­se extre­men Ver­hält­nis­se im deut­schen Mit­tel­stand?

In Anbe­tracht der Ent­wick­lun­gen und Ver­än­de­run­gen der ver­gan­ge­nen Jah­re ste­hen deut­sche Arbeit­ge­ber unter wach­sen­dem Druck. Als Reak­ti­on dar­auf stei­gern sie ihr Arbeits­tem­po. Der eine oder ande­re gibt den Druck an die Mit­ar­bei­ter wei­ter. Ins­be­son­de­re im Mit­tel­stand nimmt die Beschleu­ni­gung zu. Anzei­chen von Über­mü­dung bei den Ange­stell­ten wer­den häu­fig als feh­len­de Moti­va­ti­on gedeu­tet, was wie­der­um zu einer wei­te­ren Erhö­hung des Drucks führt und die Situa­ti­on schließ­lich ver­schlim­mert. Die Fol­ge ist eine kol­lek­ti­ve Erschöp­fung in der Beleg­schaft.

Zeag Stu­die: Mit­tel­stand an der Belas­tungs­gren­ze

Im Rah­men der Arbeit­ge­ber­be­wer­tung TOP JOB befrag­te das Zen­trum für Arbeit­ge­ber­at­trak­ti­vi­tät, zeag GmbH, das in enger Koope­ra­ti­on mit der Uni­ver­si­tät St. Gal­len jedes Jahr eine reprä­sen­ta­ti­ve Trend­stu­die zum Sta­tus quo im Mit­tel­stand und dar­über hin­aus ver­öf­fent­licht, ins­ge­samt mehr als 10.000 Mit­ar­bei­ten­de und Füh­rungs­kräf­te aus mehr als 80 deut­schen Unter­neh­men. Die aktu­el­len Ergeb­nis­se zei­gen, dass im Jahr 2022 gan­ze 25 Pro­zent der teil­neh­men­den Unter­neh­men an ihrer Belas­tungs­gren­ze gear­bei­tet haben.

überlasteter Mitarbeiter im Mittelstand
Laut der zeag-Trend­stu­die füh­len sich mehr als 80 Pro­zent der Mit­ar­bei­ten­den in Orga­ni­sa­tio­nen am Limit in kei­nem guten Gesund­heits­zu­stand.

Die Unter­su­chung kon­zen­triert sich ins­be­son­de­re auf den Ver­gleich zwi­schen den gesün­des­ten und pro­duk­tivs­ten Fir­men – als Hoch­leis­tungs­un­ter­neh­men bezeich­net – und sol­chen, die der­zeit am schwächs­ten auf­ge­stellt sind – Unter­neh­men am Limit genannt. Dabei wer­den die Merk­ma­le deut­lich, die ein moder­nes und leis­tungs­star­kes Unter­neh­men cha­rak­te­ri­sie­ren. Zudem kom­men wich­ti­ge Erkennt­nis­se zuta­ge. So füh­len sich der Umfra­ge nach mehr als 80 Pro­zent der Mit­ar­bei­ten­den in Orga­ni­sa­tio­nen am Limit in kei­nem guten Gesund­heits­zu­stand. Die­se Unter­neh­men ver­zeich­ne­ten 11 Pro­zent mehr Abwe­sen­heits­ta­ge als gesun­de Hoch­leis­tungs­fir­men. Fer­ner sei ihre Unter­neh­mens­leis­tung knapp ein Vier­tel gerin­ger als die von gesun­den Hoch­leis­tungs­or­ga­ni­sa­tio­nen. Sie sei­en 18 Pro­zent weni­ger pro­duk­tiv und rea­li­sier­ten 13 Pro­zent weni­ger Wachs­tum.

Kol­lek­ti­ve Erschöp­fung und hohe Resi­gna­ti­on im Mit­tel­stand

Was die Mit­ar­bei­ter­zu­frie­den­heit angeht, ist laut der Befra­gung ledig­lich ein Drit­tel der Beschäf­tig­ten in Limit-Unter­neh­men mit sei­nem Arbeit­ge­ber zufrie­den. Der Arbeits­all­tag ist von kol­lek­ti­ver Erschöp­fung und zugleich hoher Resi­gna­ti­on geprägt. Den erhöh­ten Anfor­de­run­gen begeg­nen die­se Fir­men mit mehr Arbeit und Druck, ver­har­ren jedoch in alten Mus­tern. Not­wen­di­ge Ände­run­gen wie etwa neue, digi­ta­le Arbeits­wei­sen set­zen sie zwar um. Doch sie schei­tern auf­grund ver­al­te­ter Füh­rung und Kul­tur. Mit einem star­ken Arbeits­kräf­te­man­gel kämp­fen 62 Pro­zent der Unter­neh­men am Limit. Rund 90 Pro­zent der Mit­ar­bei­ten­den die­ser Unter­neh­men neh­men ihren Arbeit­ge­ber als wenig attrak­tiv wahr.

Hin­ge­gen wer­den 75 Pro­zent der gesun­den Hoch­leis­tungs­un­ter­neh­men von ihren Mit­ar­bei­ten­den als über­aus attrak­ti­ve Arbeit­ge­ber wahr­ge­nom­men. Dies bestä­ti­gen die Stu­di­en­da­ten und sagen auch, dass nur 10 Pro­zent unter ihnen unter Arbeits­kräf­te­man­gel lei­den.

Der Erfolg der Unter­neh­men, die es schaff­ten, dis­rup­ti­ve Zei­ten zu meis­tern, ist laut der Unter­su­chung ganz klar auf ihre Hal­tung zurück­zu­füh­ren, die Her­aus­for­de­run­gen als Chan­ce für einen Wan­del zu begrei­fen und sich ent­spre­chend aus­zu­rich­ten. So pro­fi­tier­ten sie von star­kem Zusam­men­halt, posi­ti­vem Enga­ge­ment und einer hohen Sinn­erfül­lung in der Beleg­schaft und im Unter­neh­men.

INFO: Beschleu­ni­gungs­fal­le ver­mei­den

Vie­len Unter­neh­men droht in her­aus­for­dern­den Zei­ten die Gefahr, in die Beschleu­ni­gungs­fal­le zu gera­ten. Wie lässt sich dies ver­mei­den? Wel­che Fak­to­ren spie­len dabei eine Rol­le?

  • Sinn­emp­fin­den: Eine Arbeit wird von Ange­stell­ten häu­fig dann als sinn­voll emp­fun­den, wenn sie bedeut­sam und kohä­rent mit dem eige­nen Lebens­stil ist, zu bekann­ten und akzep­tier­ten Unter­neh­mens­zie­len bei­trägt und Mit­ar­bei­ten­de im Rah­men der Tätig­keit Wert­schät­zung erfah­ren. In hohem Maße emp­fin­den dies 75 Pro­zent der Beschäf­tig­ten bei gesun­den Hoch­leis­tungs­un­ter­neh­men. Ledig­lich 12 Pro­zent errei­chen Unter­neh­men am Limit in die­ser Kate­go­rie.
  • Füh­rung: Mehr als 75 Pro­zent der gesun­den Hoch­leis­tungs­un­ter­neh­men eta­blier­ten im Jahr 2022 ein trans­for­ma­tio­na­les Füh­rungs­kli­ma in ihren Unter­neh­men. In Unter­neh­men am Limit erle­ben 67 Pro­zent der Mit­ar­bei­ten­den eine auto­ri­tä­re Füh­rung – häu­fig als Ergeb­nis eines Füh­rungs­va­ku­ums. Beschäf­tig­te neh­men ihre Füh­rungs­kraft dort immer weni­ger wahr.
  • Unter­neh­mens­kul­tur: Gesun­de Hoch­leis­tungs­un­ter­neh­men besit­zen mit etwa 90 Pro­zent eine moder­ne Unter­neh­mens­kul­tur. Diver­si­täts­ma­nage­ment för­dert hier sozia­le, kul­tu­rel­le und eth­ni­sche Viel­falt. Emo­tio­na­li­sie­ren­de HR-Maß­nah­men stär­ken zusätz­lich das Mit­ein­an­der. Mit­ar­bei­ten­de erfah­ren außer­dem geziel­te Wei­ter­ent­wick­lung. 80 Pro­zent der Unter­neh­men am Limit wei­sen das Gegen­teil auf.
  • Leis­tungs­fo­kus­sie­rung: Gesun­de Hoch­leis­tungs­un­ter­neh­men haben es geschafft, in den her­aus­for­dern­den Zei­ten den Leis­tungs­druck in ihrem Unter­neh­men gering zu hal­ten und gleich­zei­tig posi­ti­ve Ener­gien zu mobi­li­sie­ren. Wäh­rend von ihnen nur 38 Pro­zent mit Manage­ment­sys­te­men eine star­ke Leis­tungs­ori­en­tie­rung för­dern, sind es unter Unter­neh­men am Limit mehr als 75 Pro­zent. In Unter­neh­men am Limit erfährt 91 Pro­zent der Beleg­schaft einen über­for­dern­den Leis­tungs­druck, der durch leis­tungs­zen­trier­te HR-Sys­te­me befeu­ert wird.

Quel­le: zeag-Stu­die 2023

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